
ORGANISATION
Kooperation - Grundlage für moderne Organisationskonzepte
April 2019
Sichtet man die aktuelle Managementliteratur, vertreten die meisten Autoren die These, dass angesichts der komplexen Umfelder sowohl die herkömmlichen Organisationsstrukturen und Arbeitsformen als auch die Menschen an ihre Grenzen geraten. Über die Lösungsansätze herrscht große Einigkeit: Aufbrechen von Silos, Schaffung von agilen Strukturen, Reduktion von Hierarchien und Vereinfachung von Prozessen.

STICHWORTE
Kooperatives Zusammenspiel
Motivation
Abstimmung
Zusammenspiel
- Sinnorientiertes Führungsklima
- Vertrauenskultur
- Gelebtes Empowerment
- Ausgeprägte Selbstkompetenz der Mitarbeiter
Kooperation - was verstehen wir darunter?
- aus dem Blickwinkel des Individuums
- aus dem Blickwinkel des Umfeldes
- aus dem Blickwinkel der Organisationsstruktur
Individuelle Perspektive
- Fluchtbewegungen wie davonlaufen, sich zurückziehen, sich distanzieren
- Aktivismusformen wie kämpfen, rechtfertigen oder übermäßiges Leisten
- Aggressionsformen wie Wut, Ärger, Empörung oder Sarkasmus
- Totstellreaktionen wie Blockaden, Resignation, Leugnung oder Betäubungsversuche

Kooperation erzeugt Motivation!
Bauer erklärt dieses Verhalten aus neurobiologischer Sicht: „Unser Gehirn reagiert nicht nur bei körperlichem Schmerz mit einer Aktivierung seiner Schmerzzentren, sondern auch dann, wenn wir aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, also von anderen nicht beachtet oder gar gedemütigt werden. Dies ist der Grund, warum Menschen nicht nur dann aggressiv reagieren, wenn ihnen körperlicher Schmerz zugefügt wird, sondern auch, wenn sie ausgegrenzt werden.“
Ob wir Menschen uns kooperativ verhalten, hängt von subjektiven Bedingungen wie unseren Werthaltungen, Einstellungen, Erwartungen und motivationalen Orientierungen ab und von der Qualität unserer (Arbeits-) Beziehungen. Wenn wir also kooperatives Verhalten fördern wollen, reicht die individuelle Reifung des Menschen nicht aus. Vielmehr braucht es auch eine veränderte Unternehmenskultur bzw. eine andere Art der Zusammenarbeit.
"Wir sind aus
neurobiologischer Sicht auf soziale Resonanzund Kooperation angelegte Wesen."
Joachim Bauer
Kulturelle Perspektive
Wenn wir Menschen unsere Grundsehnsüchte nicht erfüllt bekommen, verweigern wir auch die Kooperation. Zu beobachten ist dann laut Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Spieß die sog. Pseudokooperation: „Sie gibt eine Gemeinsamkeit vor, die de facto nicht oder nicht mehr vorhanden ist. Es erfolgt ein Als ob-Handeln: Die Partner handeln so, als ob sie ein gemeinsames Anliegen hätten. Pseudokooperation bedeutet, dass bei Aufrechterhaltung des Anspruchsniveaus eine verzerrte Wahrnehmung der Situation in dem Sinne vorliegt, dass die Grundlagen für eine »echte« Kooperation nicht (mehr) gegeben sind.“
Der amerikanische Organisationsberater Edgar Schein sieht den Grund für ein in solches Verhalten darin, dass wir heute vielfach (noch) Unternehmenskulturen erleben, die den „individuellen Wettbewerb zwischen den Organisationsmitgliedern als wünschenswert ansehen, als Weg, sein Talent zu zeigen. Teamarbeit wird dann als praktische Notwendigkeit gesehen, nicht als innerlich gewünschter Zustand.“
Somit gilt es, einen kulturellen Wandel einzuleiten, in dem bereichsübergreifende Zusammenarbeit gefördert und kooperatives Verhalten belohnt wird. Gerade Entlohnungsformen, die mehr die kollaborative Leistung anstatt der individuellen Leistung incentivieren, scheinen ein geeigneter Hebel zu sein. Darüber hinaus sind Führungskräfte gefordert, aktiv ein Vertrauensklima aufzubauen, Konflikten und Silodenken entgegenzuwirken und gezielt in ein gegenseitiges Verständnis der Aktivitäten anderer zu investieren.
Strukturelle Perspektive
Letztlich fördern und behindern auch strukturelle Aspekte kooperatives Zusammenspiel. Hierarchisch geprägte, starre Organisationsstrukturen mit einer Konzentration der Entscheidungsbefugnisse an der Unternehmensspitze fördern das Insel- und Konkurrenzdenken (Silodenken). Eine Lösung könnte hier die Einführung agiler Zusammenarbeit in und zwischen Organisationseinheiten sein. Viele Unternehmen sind gerade dabei, mit herkömmlichen Mustern zu brechen und neue Formen der Zusammenarbeit auszutesten, die über das Schnittstellenmanagement zwischen den Silos hinausgehen.
Prof. Bruch berichtet in ihrem neuesten Artikel über ein beeindruckendes Beispiel, wie Kooperation auch strukturell gefördert werden kann. Am Beispiel von Porsche Motorsport beschreibt sie „Garagen“, in denen die funktionale Aufteilung durch sogenannte Projektflure ersetzt wird. »In den Projektfluren sitzen die Mitarbeitenden zusammen, die aktuell an einem Projekt arbeiten. Ändern sich Prioritäten, werden die Projektflure wieder neu besetzt. Die daraus resultierende Vermischung von unterschiedlichen Expertisen und Sichtweisen erlaubt nicht nur eine schnelle und effiziente Lösungsfindung bei Problemen, sondern wirkt sich auch positiv auf die Innovationskraft aus. Garagen unterstützen den gemeinsamen Team-Fokus, kurze Wege und schnelle informelle Abstimmungen.«
Üben Sie Kooperation im Alltäglichen!
Gerhard Herb
- Heike Bruch, Sandra Berenbold. Zurück zum Kern. Sinnstiftende Führung in der Arbeitswelt 4.0. In OrganisationsEntwicklung Nr. 1 I 2017
- Spieß, E. (2019). Kooperation. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 27.03.2019, von m.portal.hogrefe.com/dorsch/kooperation/
- Joachim Bauer. Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. Hoffmann und Campe. Hamburg. 2007 (5. Auflage)
- www.geo.de/natur/oekologie/8542-rtkl-interview-das-prinzip-kooperation
- Alfried Längle. Erfüllte Existenz. Faculatas Verlag. 2011
- Erika Spieß. Berufliche Werte, Formen der Kooperation und Arbeitszufriedenheit. In: Zeitschrift für angewandte Organisationspsychologie. 6 | 2000
- Edgar H. Schein. Angst und Sicherheit. In OrganisationsEntwicklung Heft 3 | 2003
- Heike Bruch. Stefan Berger. Das Konzept Speed. Sieben Leadership Prinzipien aus dem Porsche Motorsport. In OrganisationsEntwicklung Nr. 3 I 2018
Weitere Artikel
„Es gibt keine Entwicklung ohne Kooperation, ohne Zusammenwirken!“
Anna Gamma